Informationstafel 3

Die Nachkriegszeit, die Prozesse, das Gedenken

Catherine Wagner, ehemalige Gefangene aus Luxemburg

„Vor unserer Befreiung sperrte man uns in einen engen Raum. Wir hatten keinen Zutritt zu den Toiletten. [...]

Bei Tagesanbruch wurde die Tür aufgeschlagen und herein kamen englische Soldaten, die uns aus dieser mißlichen Lage befreiten. Viele von uns waren krank, alle jedoch abgemagert, verdreckt, in Lumpen gehüllt und von Ungeziefer befallen."

Aussage in einem undatierten Brief an den Historiker Detlef Korte

Sigrid M., Dolmetscherin über den 2. Mai 1945.

„Das ganze Personal des Lagers lief betrunken vor dem Verwaltungsgebäude herum. Ich wurde von T. mit den Worten empfangen, daß ich entlassen sei. T. und F. wollten in die Nähe von Niebüll [...] Das war für mich die Beendigung meiner Dienstzeit in Kiel".

Aussage vor der Kieler Staatsanwaltschaft, 20.8.1964

 

Nachkriegszeit, Prozesse, Gedenken

Am 2. und 3. Mai 1945 flohen die Wachmannschaften und das Verwaltungs-personal der SS aus dem Lager, ein Teil der Häftlinge wurde entlassen, ein anderer Teil in die Baracken und den Arrestbunker eingesperrt. Am 4. Mai befreiten britische Truppen das „Arbeitserziehungslager Nordmark" und fanden mehrere Hundert völlig verdreckte, kranke und halb verhungerte Gefangenen sowie ein nicht fertig gestelltes Krematorium vor.

Nach Kriegsende dienten die Baracken zuerst als Unterkunft für ehemalige osteuropäische Zwangsarbeiter, so genannte „Displaced-persons" (DPs). Ab November 1948 erfolgte die Unterbringung von deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen. Anfang der sechziger Jahre wurde das Flüchtlingslager nicht mehr benötigt, die Holzbaracken wurden abgerissen, Gewerbebetriebe siedelten sich an und Sportplätze wurden angelegt.

Mit der Aufarbeitung und dem offiziellen Gedenken an die Verbrechen im Nationalsozialismus tat man sich in Kiel schwer: die Stadt stellte erst am 17. Juni 1971 – dem damaligen „Tag der deutschen Einheit" - einen Gedenkstein an der Ecke Rendsburger Landstraße / Seekoppelweg auf.

Im Zuge der Entstehung von Geschichtswerkstätten, die sich mit der NS-Geschichte vor Ort auseinandersetzten, entstanden Anfang der achtziger Jahre auch in Kiel entsprechende Initiativen. So legte der „Arbeitskreis Asche-Prozeß" im Herbst 1982 die Grundmauern des ehemaligen SS-Gästehaus frei, und 1983 erschien eine Broschüre über die Geschichte des Lagers. Aufgrund solcher Aktivitäten beauftragten im März 1983 sämtliche Fraktionen in der Rats-versammlung die Verwaltung damit, ein Konzept für eine Dokumentations- und Gedenkstätte zu erarbeiten. Da die Finanzierung nicht sichergestellt wurde, kam es nie zu einer Umsetzung der Ideen.

Auf Initiative einer kirchlichen Jugendgruppe aus Kronshagen war die Stadt Kiel 1985 bereit, einen neuen Gedenkstein zu errichten. Seitdem findet hier am Volkstrauertag im November die Gedenkfeier für die Häftlinge des „AEL Nordmark" statt.

„Appell" – ein Kunstwerk gestaltet von Frauen im Rahmen einer ABM bei „Arbeit für Alle", Mai 1992 im Rahmen des Stadtjubiläums von Kiel. Demolierung und Abbau im September 1992. (Foto: Monika Peters, Kiel)

Vor dem symbolischen Zaun standen 20 Eisenstelen, in die abstrakte und konkrete Bildnisse eingearbeitet worden waren. Um jede Eisenstele waren blaue Bänder gebunden worden, auf denen die Namen, Geburtsländer und Sterbedaten der ums Leben gekommenen Häftlinge des Lagers geschrieben waren.

 

Strafverfolgung der Täter

Am 3. September 1947 wurde der ehemalige Lagerkommandant Johannes Post vor einem britischen Militärgericht als Mitarbeiter der Gestapo wegen seiner Beteiligung an der Erschießung von britischen Royal-Air-Force-Piloten im März 1944 zum Tode verurteilt und gehängt.

Das ehemalige deutsche und ausländische Personal des Lagers stand von Herbst 1947 bis Frühjahr 1948 im Hamburger Curiohaus vor einem britischen Militär-gericht ("Kiel-Hassee-Cases"). Von den 24 Personen, die wegen Mordes angeklagt worden waren, sprachen die Richter sieben – zumeist aus Mangel an Beweisen – frei und verurteilten 15 Männer zu Haftstrafen zwischen zwei und 20 Jahren Gefängnis. Der dänische Lagersanitäter Orla Eigil Jensen – verant-wortlich für Ermordung kranker und schwer verletzter Häftlinge - und der einstige stellvertretende Kommandant Otto Baumann wurden zum Tode verur-teilt. Jensens Strafe wurde in lebenslange Haft umgewandelt, Baumann 1948 hingerichtet. Alle anderen Verurteilten kamen bis spätestens 1956 aus den Gefängnissen frei.

Durch die deutsche Justiz wurden die Verbrechen im „Arbeitserziehungslager Nordmark" nicht gesühnt. Zwar ermittelte die Staatsanwaltschaft von 1946 bis 1967 mehrfach gegen Täter wegen Mord, Totschlag oder Beteiligung daran, doch reichte es in keinem Fall zu einer Anklageerhebung oder Verurteilung. Auch dem erst 1963 verhafteten Hauptverantwortlichen für das Lager, dem ehemaligen schleswig-holsteinischen Gestapo-Chef Fritz Schmidt, konnte die Anklagebehörde keinen Mord mehr nachweisen.

 

Das Gelände nach 1945

4. Mai 1945 Befreiung des Lagers durch die britische Armee

1945 „Displaced-Persons-Camp"

1948-1962 Unterbringung von deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen

1947 Exhumierung von 52 Toten

1949 Exhumierung von 57 Toten

1960er-Jahre Ansiedlung von Gewerbebetrieben, Bau von Sportanlagen

1962 Exhumierung von 41 Toten

1971 Städtischer Gedenkstein

(Rendsburger Landstraße/Seekoppelweg)

1982 Freilegung der Grundmauern des SS-Gästehauses durch den

„Arbeitskreis Asche-Prozeß"

1983 Broschüre zur Geschichte des „AEL Nordmark";

Diskussion um eine Dokumentations- und Gedenkstätte

1985 Aufstellung eines Gedenksteins an der Rendsburger Landstrasse;

Beginn der jährlichen Gedenkfeiern der Stadt Kiel vor Ort

1990 Aufnahme aller (un)bekannten Opfer des „AEL Nordmark" in

bis 1993 das Gedenkbuch der Stadt Kiel in der Ehrenhalle im Rathaus

1991 Buchveröffentlichung: Detlef Korte:

‚Erziehung' ins Massengrab.

1992 Stelenfeld „Appell" von „Arbeit für Alle" im Mai,

Abbau nach starken Zerstörungen im September 1992

Erstellung einer Gedenkstättenübersicht zu Kiel

1995 Aktion „Spurensuche - Spurenlegen. Gedenkzug KZ am Russee"

2000 Fund eines Gedenksteinüberrestes

2003 Einweihung Gedenkort „Arbeitserziehungslager Nordmark"

Otto Baumann

Geboren 1908 in Stuttgart.  Mechaniker, Landwirt.  1931 SS-Mitglied  1944-45 Gestapo Kiel, stellv. Lagerkommandant.  1948 Hinrichtung in Hameln. (Mehr zu den Biografien von Tätern und Täterinnen)

Informationstafel 2

Die Häftlinge

Herbert Modrow, ehemaliger SS-Mann.

„Folgende Bekleidungsstücke wurden an Gefangene ausgegeben: ein Hemd, Unterhose, eine Jacke und ein paar Hosen, Wolldecke und Fußlappen, d.h. viereckige Stücke Stoff anstatt Socken. Schuhe wurden nicht regelmäßig ausgegeben. Wer keine Schuhe hatte, bekam Pantinen. [...] Die ‚Schuhe' hatten Holzsohlen und ein Oberteil aus Leder oder Stoff."

Aussage vor dem britischen Militärgericht 30.10.1947

Joseph Braitmann, ehemaliger Häftling.

„Für den ganzen Tag bekamen wir eine Wassersuppe mit Steckrüben und zwei Scheiben Brot zu essen. Manchmal war auf einer Scheibe Brot etwas Margarine, manchmal etwas Marmelade."

Eidesstattliche Erklärung 10.4.1947.

Bernhard Scoor, ehemaliger Häftling.

„Später brachte ich zwei Wochen in diesem ‚Bunker' zu. Das Wasser in der Bunkerzelle stand ca. 15 cm hoch. Mein Strohsack lag im Wasser. Licht gab es nicht in der Zelle. Ich war im November 1944 im Bunker, und Heizung gab es nicht!"

Aussage vor dem britischen Militärgericht 12.11.1947

Adele Bosy, Anwohnerin des Eichhof-Friedhofs.

„Um 7 Uhr am 26. April stand ich an meinem Zimmerfenster, ich hatte ein Fernglas. Ich sah, dass zwei Pferdewagen zum Abschnitt 49 kamen, die mit Leichen beladen waren. Sie waren weder in Särgen noch in Säcken, sie waren einfach von einer Persenning bedeckt. Alle diese Leichen wurden in ein großes Grab geworfen von SS-Männern."

Eidesstattliche Erklärung 20.7.1945.

 

Lageralltag

Ende Juli 1944 hatten Häftlinge der nahe gelegenen Polizeibaracke „Drachensee" und zivile Facharbeiter die ersten Baracken fertig gestellt. Bald darauf wurden die ersten Gefangenen ins Lager eingeliefert und von jedem eine Karteikarte mit seinen persönlichen Angaben angelegt. In der Bekleidungskammer mussten sie ihre Wertsachen und Zivilkleidung abgeben und erhielten Häftlingskleidung. Später wurde die Zivilkleidung einfach mit roten Kreuzen versehen, um die Gefangenen als Häftlinge zu kennzeichnen. Eine Möglichkeit zum Wechseln der Kleidung bestand für die Inhaftierten nicht und aufgrund der Arbeitsbedingungen verdreckte und verschliss die Kleidung schnell.

Die Ernährung bestand aus einem Becher Ersatz-Kaffee, etwas trockenen Brot und einer dünnen Suppe. In den für 200 Mann ausgelegten Baracken dienten doppelstöckige Holzgestelle mit nackten Brettern als Schlafstätten, eine Heizung war nicht vorhanden, und die Häftlinge erhielten lediglich eine Wolldecke für die Nacht. Waschräume wurden nicht mehr fertig gestellt und als Toiletten dienten offene Kübel in den Baracken bzw. einige Aborte im Lager.

Für die medizinische Versorgung war eine Krankenbaracke eingerichtet worden, in der ein zwangsverpflichteter Hasseer Arzt, ein russischer Häftlingsarzt, eine Krankenschwester sowie der dänische Lagersanitäter Jensen Dienst taten. Aufgrund der häufigen Misshandlungen durch die SS, der mangelhaften Hygiene, der schlechten Versorgung und der unmenschlichen Arbeitsbedingungen war die Krankenbaracke häufig überfüllt. Die Häftlinge konnten hier nur völlig unzureichend versorgt werden, und außerdem drohte den Schwerkranken und - verletzten die Ermordung durch den dafür nach 1945 verurteilten Sanitäter Jensen.

 

Zwangsarbeit der Häftlinge

Der Tag im Lager begann morgens um 5 Uhr mit einem Häftlingsappell, d.h. die Gefangenen mussten getrennt nach Deutschen und Ausländern antreten und wurden durch den stellvertretenden Lagerkommandanten zu Arbeitskommandos eingeteilt. Danach mussten sie ca. 10 Stunden lang besonders schmutzige, schwere oder gefährliche Arbeiten ausführen: im Lager halfen sie beim Bau von Baracken, der Planierung der Wege oder auch in der Kiesgrube. Außerhalb des Lagers wurden sie beim Bunkerbau in Schulensee und am Schützenwall, zur Räumung von Trümmern sowie der Bergung von Bombenblindgängern eingesetzt. Bezeichnenderweise nutzten auch Kieler Firmen die Häftlinge für sich als billige Arbeitskräfte: so die Holsten-Brauerei, die Land- und See-Leichtbau GmbH, die Betonbaufirma Ohle & Lovisa und die Nordland Fisch-Fabrik in Hassee.

Wer sich im Lager oder auf den Arbeitskommandos den Befehlen der Wachmannschaften widersetzte, vor Erschöpfung nicht mehr arbeiten konnte oder anderweitig auffiel, wurde durch die SS willkürlich geschlagen, schwerst misshandelt oder sogar erschossen. Die wenigen Fluchtversuche endeten bis kurz vor Kriegsende immer mit dem Tod des Häftlings; erst Ende April 1945 gelang es einigen Häftlingen, von den Arbeitskommandos zu entfliehen.

 

Johannes Post – Lagerkommandant

Geboren 1908 in Danzig, Kaufmann. Ab 1930 SA- und NSDAP-Mitglied. Seit 1935 Gestapo-Mitarbeiter. Kriminalkommissar, SS-Sturmbannführers (1939). 1942 Gestapo Kiel. 1944-1945 Lagerkommandant. Mai 1945 Flucht, 1947 Verhaftung und Prozess vor britischem Militärgericht wegen Ermordung alliierter Luftwaffenoffiziere. Verurteilung zum Tode. 1948 Hinrichtung in Hameln. (Mehr zur Biografie)

Für 675 der 4.-5.000 Häftlinge können Angaben über deren Nationalität und Alter gemacht werden: ca. drei Viertel von ihnen waren zwischen 1911 und 1930 geboren, nur ein Viertel waren Frauen.

Die Gesamtzahl der Häftlinge im „AEL Nordmark" setzt sich aus 3.193 Entlassenen und 578 Ermordeten zusammen. Hinzu kommt eine unbekannte Anzahl Gefangene, die im Mai 1945 befreit wurden. Deshalb geht man von 4.000-5.000 Menschen aus, die im Lager inhaftiert gewesen waren.

Dokumentation zum Gedenkort „Arbeitserziehungslager Nordmark"

Materialien, Fotos und Dokumente zu einer Haftstätte der schleswig-holsteinischen Gestapo in Kiel 1944-1945.
Herausgegeben vom Arbeitskreis Asche-Prozeß und dem Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V.
Redaktion: Frank Omland. Layout: Kay Dohnke. Kiel 2003, 80 Seiten. Aktualisierte und erweiterte Neuauflage, Kiel 2011, 112 Seiten.
[Die Dokumentation ist als ISHZ-Beiheft 1 erschienen und für 5 Euro, inkl. Porto und Verpackung beim AKENS e.V. sowie direkt im Kieler Stadtarchiv, Rathaus, erhältlich.]

Inhalt

Vorbemerkungen (Auszug)

Detlef Korte: Das ‚Arbeitserziehungslager Nordmark' in Kiel (1944/45)

Texte der Informationstafeln am ‚Gedenkort Arbeitserziehungslager Nordmark'

Informationstafel 1: Überblick zur Geschichte des Lagers 1944-1945

Informationstafel 1: Überblick zur Geschichte des Lagers 1944-1945Informationstafel 1: Überblick zur Geschichte des Lagers 1944-1945

 

Informationstafel 2: Die Häftlinge

Informationstafel 2: Die HäftlingeInformationstafel 2: Die Häftlinge

Informationstafel 3: Die Nachkriegszeit, die Prozesse, das Gedenken

Informationstafel 3: Die Nachkriegszeit, die Prozesse, das GedenkenInformationstafel 3: Die Nachkriegszeit, die Prozesse, das Gedenken

 

Sechs Täter und eine Täterin

  • Fritz Schmidt – Leiter der Schleswig-Holsteinischen Gestapo 1944-1945
  • Johannes Post – Lagerkommandant
  • Kurzbiografien von vier Tätern und einer Täterin

Zeitzeuginnen- und Zeitzeugenberichte

Kiel im Nationalsozialismus. Ausgewählte Literatur zur Stadtgeschichte 1933-1945

 

Informationstafel 1:

Überblick zur Geschichte des Lagers 1944-1945

Franz Steinfaß, Architekt.

„Am 1.5.1944 bekam ich den Auftrag, in Kiel, Rendsburger Landstraße, ein Arbeitserziehungslager für die Kieler Gestapo zu errichten. Das Lager bestand aus ca. 22 Baracken. Während der Bauzeit mussten die Häftlinge die Arbeit mit ausführen und wohnten in den eben fertig gestellten Baracken. Die Ausführungen dieser Arbeiten waren der Firma Nord-Süd-Bau K.G., Kiel und der Firma G. Schlüter, Preetz übertragen. Die Facharbeiter wurden von den Firmen gestellt, wogegen die Hilfsarbeiter von der Gestapo gestellt wurden."

Aussage vor der Polizei, 30. Mai 1947.

Willy Stender, ehem. Chef der Wachmannschaft.

„Die Wachen waren Deutsche, Volksdeutsche, Holländer, Dänen und Letten. ... Einige waren Freiwillig, einige waren eingezogen worden und andere wiederum waren frühere Gefangene, für deren Beschäftigung als Wachen [der Lagerkommandant] Post sich beim Arbeitsamt eingesetzt hatte."

Aussage vor dem brit. Militärgericht, 24.11.1947

Hubert van Roy, ehem. Häftling.

„Ungefähr um dieselbe Zeit sah ich eines Tages, wie Post beim Appell einen Häftling aus der Reihe rief. Mit einem SS-Mann zusammen führte er diesen Häftling zum See. Der Häftling musste dann ein paar Schritte voran gehen und wurde dann von Post erschossen."

Eidesstattliche Erklärung 14.4.1947.

Wilhelm R., Anwohner.

„Auf meiner Rückfahrt von der Arbeit nach Hause fuhr ich die gleiche Strecke zurück und sah dann die Häftlingskolonnen wieder zurückmarschieren. Hierbei sah ich wiederholt, wie Häftlinge auf ca. 3m langen Brettern tote Häftlinge aus der Stadt mit ins Lager zurückbrachten. Andere Häftlinge schleiften zusammengebrochene Mitgefangene mit."

Aussage vor der Kieler Polizei, 11.12.1964

 

Das „Arbeitserziehungslager Nordmark" 1944-1945

Im Juni 1944 begannen auf diesem Gelände am Ostufer des Russees die Bauarbeiten für das „Arbeitserziehungslager Nordmark" der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Bis zur Befreiung am 4. Mai 1945 durch britische Truppen wurden im „AEL Nordmark" 4.000 – 5.000 Menschen inhaftiert, von denen mindestens 578 ums Leben kamen.

 

Haftstätte der Gestapo

Das AEL war als Terrorinstrument gegenüber „Arbeitsvertragsbrüchigen" gedacht und diente vor allem der Unterdrückung der ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Zwei Drittel aller Häftlinge kamen aus der Sowjetunion und Polen, Deutsche und Österreicher stellten lediglich eine Minderheit unter den Lagerinsassen dar.

Die Einweisung erfolgte ohne gerichtliche Untersuchung auf Anweisung der Gestapo, die auf Anzeigen und Denunziationen von Arbeitgebern und Behörden reagierte. Die Anlässe waren meist nichtig: „Arbeitsbummelei", Fernbleiben von der Arbeitsstelle, Streit mit einem Vorgesetzten, versuchte Flucht in das Heimatland oder auch kleinere Diebstähle. Die meisten Taten stellten eine Reaktion auf die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter. Im NS-Staat galten „Arbeitsvertragsbrüchige" als Saboteure an der „Heimatfront".

Da das Regime aber jede Arbeitskraft brauchte, sollte die Haftzeit auf maximal 56 Tage begrenzt werden, der Häftling danach dem Betrieb wieder zur Verfügung stehen und gleichzeitig den anderen Belegschaftsmitgliedern als abschreckendes Beispiel dienen.

 

Aufbau des Lagers

Das Lager wurde unter Aufsicht von zivilen Facharbeitern durch Gestapogefangene der nahe gelegenen Polizeibaracke „Drachensee" errichtet. Insgesamt bestand es aus über 20 Gebäuden: Unterkünfte für Häftlinge und Wachmannschaften, Verwaltungsbaracken und Lagerschuppen, eine Küche, zwei Wachtürme und ein Gästehaus für Besucher aus der SS-Prominenz. Das gefürchtetste Gebäude im Lager war ein halb unterirdischer Arrestbunker aus Beton mit 48 völlig dunklen Einzelzellen.

Verantwortlich für die Errichtung des Lagers war der ab Februar 1944 eingesetzte Leiter der schleswig-holsteinischen Gestapo, Regierungsrat und SS-Sturmbannführer Fritz Schmidt. Als Kommandanten für das Lager setzte Schmidt einen Untergebenen ein: den Kriminalkommissar und SS-Sturmbannführer Johannes Post.

 

Die Häftlinge

Außer für die große Anzahl von „arbeitsvertragsbrüchigen" Häftlingen diente das Lager der schleswig-holsteinischen Gestapo auch als Haftstätte für „Schutzhäftlinge" und politische Gefangene: unter ihnen beispielsweise der 67-jährige Pastor Ewald Dittmann aus Dithmarschen und der Kieler Kommunist Bernhard Scoor der mit osteuropäischen Zwangsarbeitern zu einer Widerstandsgruppe gehörte.

 

Schlussphase und Befreiung

Mitte April 1945 waren etwa 900 Gefangene im Lager. Durch „Evakuierungstransporte" (Todesmärsche) aus anderen Haftstätten verdoppelte sich die Zahl der Häftlinge innerhalb von zwei Tagen. Unter den Neuzugängen waren ein Transport deutscher Juden aus dem Rigaer Ghetto und einige Hundert Gefangene des Zuchthauses und Gestapogefängnisses Hamburg-Fuhlsbüttel.

Angesichts der herannahenden Front ermordete die Gestapo in den letzten zwei Wochen vor Kriegsende etwa 300 Häftlinge, unter ihnen mehr als 30 Schwerkranke aus der Krankenbaracke. Vor dem Eintreffen der britischen Truppen verbrannten die Wachmannschaften fast alle Akten, entließen einige Häftlinge und flohen in Zivilkleidung in Richtung Dänemark.

Am 4. Mai 1945 befreiten britische Soldaten die letzten im Lager überlebenden Häftlinge des „Arbeitserziehungslager Nordmark".

 

Fritz Schmidt – Chef der Gestapo

Geboren 1908 in Bochum, Jurist. Ab 1931 NSDAP-, ab 1933 SA-Mitglied. Seit 1936 Mitarbeiter der Gestapo. 1942/43 (Stellv.) Leiter Sonderkommando der Einsatzgruppe C (Massenmorde in der Sowjetunion). 1944 Gestapochef in Kiel. April / Mai 1945 Flucht. 1963 Festnahme, 1965 Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord an britischen Luftwaffenoffizieren (2 Jahre Zuchthaus), keine Verurteilung wegen „AEL Nordmark", 1965 Einstellung eines Verfahrens wegen der Einsatzgruppenmorde. (Mehr zur Biografie)

Der Gedenkort "Arbeitserziehungslager Nordmark", Kiel

Im Folgenden finden sich Informationen zu einer Haftstätte der schleswig-holsteinischen Gestapo, die diese von Sommer 1944 bis Mai 1945 in Kiel am Russee unterhalten hat. Am authentischen Ort des Geschehens wurden in den Nachkriegsjahren verschiedene Gedenksteine errichtet und im Jahr 2003 ein Gedenkort eingeweiht.

Karte des Lagergeländes, März 1945Karte des Lagergeländes, März 1945. Karte: THAMM, Bosau

Direkt neben einem Fußballplatz, Tennisanlagen, einem Gewerbegebiet sowie dem idyllischen Wanderweg um den Kieler Russee besteht seit dem 27. Januar bzw. 4. Mai 2003 der Gedenkort "Arbeitserziehungslager Nordmark". Er erinnert durch drei Informationstafeln sowie einen Gedenkstein an die Geschehnisse in einer KZ-ähnlichen Haftstätte der schleswig-holsteinischen Gestapo für überwiegend ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, in der mindestens 578 Menschen zu Tode kamen.[1]

Dort, wo die letzten sichtbar gemachten Spuren des Lagers zu finden sind – die Grundmauern des ehemaligen SS-Gästehauses am Russee im Kieler Stadtteil Hassee –, wird ausführlich über die Geschichte des Lager, das von Sommer 1944 bis Mai 1945 bestand, das Leben der Häftlinge und die mörderischen Taten der Wachmannschaften informiert.

Gedenkstein 1971 (Abb. 1)Gedenkstein 1971 (Abb. 1). Foto: Frank Starrost

Bis zur Errichtung des Gedenkortes hatte die Stadt Kiel durch zwei Gedenksteine auf die Existenz des Lagers hingewiesen. Zum einen wurde1971 auf Initiative des Russeer Pastors Uwe Jacobsen ein Findling aufgestellt, der in der Tradition der Gedenk- und Erinnerungskultur der 1950er-Jahre zu verorten ist. Damals wurden Grabmale in sogenannten "elysischen Landschaften" als Parkfriedhöfe zur Erinnerung an die "Opfer der Gewaltherrschaft" errichtet. Dieser Stein, dessen Inschrift leider weder korrekt über das Lager informiert noch dessen Geschichte reflektiert, steht unter einer Doppeleiche an der Rendsburger Landstraße/Ecke Seekoppelweg. Der zweite Gedenkstein, 1985 etwas weiter westlich aufgestellt, beruht auf der Initiative einer kirchlichen Jugendgruppe und versucht, durch eine kartografische Darstellung sowie einen vier Sätze umfassenden Text die Lagergeschichte darzustellen. Bezeichnenderweise konnte sich die Stadt Kiel nicht dazu durchringen, einen abschließenden und in die Zukunft weisenden kritischen Satz auf der Tafel zuzulassen.[2] Das eigentliche inhaltliche Erinnern leisteten Geschichtsinitiativen vor Ort: So legte der Kieler Geschichtsarbeitskreis Arbeitskreis Asche-Prozeß (AKAP) im Herbst 1982 die Grundmauern des SS-Gästehauses frei, fuhr regelmäßig auf seinen Stadtrundfahrten das ehemalige Lagergelände an und informierte zu dessen Geschichte. Gedenkstein 1985, KielGedenkstein 1985, KielMit Detlef Korte nahm sich ein Mitglied des AKAP der Erforschung des "AEL Nordmark" an und publizierte dazu 1991 seine Dissertation.[3] Ein Jahr später errichteten arbeitslose Frauen im Rahmen eines ABM-Projekts das Stelenfeld "Appell", das nach Zerstörungen im September 1992 abgebaut werden musste. Und 1995 – im Rahmen des 50-jährigen Gedenkens an den Tag der Befreiung der Häftlinge des Lagers durch britische Truppen am 4. Mai 1945 – fand die von einem linken Bündnis getragene Aktion "Spurensuche – Spurenlegen. Gedenkzug KZ am Russee" statt. Neben Sachinformationen an verschiedenen Stationen eines Gedenkzugs vom ehemaligen Lagergelände in die Kieler Innenstadt, wurde auf dem Weg durch beschriftete Bänder an das Lager erinnert und der Rathausmarkt mit namentlichen Gedenksteinen an die Opfer "gepflastert". Die Erinnerungskultur der Stadt Kiel wurde dagegen durch das Engagement von Einzelpersonen bestimmt: So ist insbesondere die damalige Stadtpräsidentin, Silke Reyer, zu erwähnen, die sich im Gegensatz zur Ratsversammlung für das Gedenken an den Nationalsozialismus einsetzte. Im Kommunalparlament gab es zwar einmütige Beschlüsse (u.a. Erarbeitung eines Konzeptes einer Dokumentations- und Gedenkstätte, Schaffung einer Sonderausstellung "Kiel unter dem Hakenkreuz", Einrichtung eines Spendenkontos zum Bau einer Dokumentationsstätte), doch zur Umsetzung in die Praxis kam es nicht. Eckhard Colmorgen, langjähriges Mitglied im AKAP und damaliger Vorsitzender des Arbeitskreises zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS), fasste dies in seiner Eröffnungsrede zum Gedenkort kritisch so zusammen: "Es gibt wohl keine andere Landeshauptstadt, in der sich die verantwortlichen Politiker so wenig um die Geschichte ihrer Stadt und insbesondere die Geschichte der Nazi-Zeit ihrer Stadt gekümmert haben. Die in unserer Stadt eher beliebigen Gedenksteine zur Geschichte des NS-Regimes sind eher zufällig entstanden. Es fehlt ein umfassendes Konzept zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit."[4]Gedenkort 2003, Kiel (Teilansicht) Gedenkstein 1985, Kiel. Foto Frank StarrostGedenkort 2003, Kiel (Teilansicht) Gedenkstein 1985, Kiel. Foto Frank StarrostUmso mehr ist es zu begrüßen, dass der Gedenkort "Arbeitserziehungslager Nordmark" tatsächlich auch mit Unterstützung der Stadt Kiel entstanden ist: Im November 2000 wurde auf dem ehemaligen Lagergelände der Überrest eines wahrscheinlich direkt in der Nachkriegszeit von polnischen Zwangsarbeitern aufgestellten Gedenksteins für die Opfer des Faschismus gefunden. Dies führte dazu, dass der Kulturausschuss sich um eine Neugestaltung des Geländes unter Einbeziehung dieses Gedenksteinüberrestes Gedanken machte. Angestoßen durch den Kulturausschussvorsitzenden Ulrich Erdmann (SPD) beantragte im Frühjahr 2002 der AKENS Finanzmittel der Europäischen Union für eine Neugestaltung des Gedenkens an das ehemalige "Arbeitserziehungslager Nordmark" und konnte zusammen mit Mitteln der Stadt Kiel die Umgestaltung vor Ort beginnen, die im Mai 2003 abgeschlossen wurde. Seitdem findet neben den bisherigen ritualisierten Gedenkfeierlichkeiten der Stadt Kiel und der Kirchengemeinde am 27. Januar, am 8. Mai und am Volkstrauertag regelmäßig am Tag der Befreiung des Lagers ein Rundgang um das ehemalige Lagergelände statt. Neben der inhaltlichen Vermittlung der Geschehnisse steht dabei insbesondere die Visualisierung der sich heute nicht mehr erschließenden Lagertopografie sowie der Umgang mit diesem Ort in der Nachkriegszeit im Vordergrund. Neben dem Rundgang treten mit der Verlesung der Namen der Toten, einer Dokumentation zur Lagergeschichte sowie einer Präsenz im Internet weitere Formen des Erinnerns, die es unterschiedlichen Zielgruppen ermöglichen sollen, sich der Geschichte des Lagers und der Geschehnisse im "Arbeitserziehungslager Nordmark" anzunähern. Der Geschichte einer KZ-ähnlichen Haftstätte der schleswig-holsteinischen Gestapo, in der von Sommer 1944 bis Mai 1945 vermutlich 5000–6000 Häftlinge inhaftiert waren und von denen mindestens 578 während der Haft starben.

Frank Omland

 

Weitere Informationen zum "AEL Nordmark" finden sich

 

Einen Überblick der Aktivitäten und Initiativen im Bereich der Gedenkstätten in Schleswig-Holstein findet sich im "Forum: Gedenken" in der ISHZ 47 sowie im Schwerpunkt "Forum: Zeitgeschichtsforschung, Gedenken, Erinnerung" in der ISHZ 39.

Gedenkstein 1971
(Abb. 1)

Foto: Frank Starrost

Gedenkstein 1985
(Abb. 2)

Foto: Frank Starrost

Gedenkort 2003
(Abb. 3)

Foto: Frank Starrost

Informationstafeln
1 bis 3

Abb. 1:
Der Gedenkstein von 1971 an der Rendsburger Landstraße/Ecke Seekoppelweg am Ort des ehemaligen Nebeneingangs des Lagers.

Abb. 2:
Der Gedenkstein von 1985 an der Rendsburger Landstraße, ungefähr in Höhe des ehemaligen Haupteingangs des Lagers.

Abb. 3:
Der neue Gedenkstein, die erste Informationstafel sowie die Grundmauern des SS-Gästehauses.

Adresse des Gedenkortes: Rendsburger Landstraße, Höhe Achterwehrer Straße bzw. Struckdieks Au Gelände direkt am östlichen Russee (Wanderweg am Sportplatz des TSV Russee)

Das Gelände ist frei zugänglich. Führungen können nur sehr eingeschränkt und nach Vereinbarung mit dem Arbeitskreis Asche-Prozeß (Eckhard Colmorgen, Tel.: 0431 739 49 73) angeboten werden.

[1] "Arbeitserziehungslager" waren Straflager für sogenannte "Arbeitsverweigerer" bzw. "Bummelanten". Bei tatsächlichen und vermeintlichen Verstößen gegen die Arbeitsdisziplin konnte die Gestapo eine mehrwöchige Haft anordnen, deren Zweck es war, einen allgemeinen Abschreckungseffekt in den Betrieben zu erreichen. In der Regel sollten die Häftlinge nach der Maßnahme in die Betriebe zurückkehren und aufgrund ihres körperlichen und psychischen Zustandes dazu beitragen, dass niemand gegen das NS-Regime aufbegehren würde.

[2] Im ursprünglichen Textvorschlag hieß es: "Dieses Lager mahnt uns, jedem Ansatz von Brutalität und Terror zu widerstehen und für eine menschenwürdige Zukunft einzutreten."

[3] Detlef Korte: "Erziehung" ins Massengrab. Die Geschichte des "Arbeitserziehungslagers Nordmark" Kiel Russee 1944–1945, Kiel 1991.

[4] Eckhard Colmorgen: Gedenkort "Arbeitserziehungslager Nordmark". Rede zur Einweihung des Gedenkortes "Arbeitserziehungslager Nordmark" in Kiel am 27.1.2003, in: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (2004), Nr. 43, S. 90–96.

(Dieser Text entspricht dem Bericht von Frank Omland: Der Gedenkort "Arbeitserziehungslager Nordmark". In: Hilfe oder Handel? Rettungsbemühungen für NS-Verfolgte. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 10, Bremen 2007, S. 182-185).