Zwölf Jahre NS-Forschung von unten: Der AKENS

(Aus einem Vortrag gehalten im Juli 1995)

Von Detlef Korte

Jubiläen haben es an sich, daß sie Dinge in Bewegung setzen können - manchmal jedenfalls. So geschah es zumindest in Schleswig-Holstein mit dem 50. Jahrestag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten: 1983 hatte eine Reihe von zeitgeschichtlich interessierten Leuten die Nase voll davon, daß es ein halbes Jahrhundert nach Beginn des "Dritten Reiches" im Norden noch immer so gut wie keine kritische Auseinandersetzung mit dieser Phase deutscher Geschichte geben sollte. Aufklärungsbedarf bestand hier in fast noch größerem Maß als anderswo, hatte die Hitler-Partei doch schon in den späten zwanziger Jahren in Schleswig-Holstein ungewöhnlich großen Rückhalt in der Bevölkerung gehabt.

Die Forschungssituation - um nicht die irreführenden Begriffe der "Aufarbeitung" oder "Vergangenheitsbewältigung" zu gebrauchen - konnte in und für Schleswig-Holstein keinesfalls befriedigen, war die historische wie politische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus doch jahrzehntelang gezielt und systematisch erschwert worden. Man muß zur Erklärung nicht die These bemühen, die große Zahl ehemaliger NSDAP-Mitglieder in wichtigen Positionen bzw. politischen Ämtern sei der Grund dafür gewesen - es bleibt die simple Tatsache, daß seitens der Politik hier kein Handlungsbedarf gesehen, daß auf der unteren Verwaltungsebene systematisches Nachfragen, ja gar Forschung meist behindert, kaum gefördert wurde. Und weder von den Hochschulen noch der Gesellschaft für schleswig-holsteinische Geschichte wurden nennenswerte Versuche unternommen, sich auch der jüngeren Geschichte anzunehmen.

Eine Situation, die Handeln notwendig machte: ganz in der Tradition von Geschichtswerkstätten, von "Barfußhistorikern" entstand der AKENS, wobei allerdings maßgeblich Historiker (in spe) an der Gründung beteiligt waren. Ein Häuflein weniger Neugieriger fand sich zusammen, neugierig auf die verschwiegene Geschichte, die sich doch nicht verdrängen ließ. Dafür aber konnten sie manches bewegen: Arbeitsvorhaben koordinieren, Exkursionen zu Ausstellungen oder Gedenkstätten organisieren, Informationen verschicken und eine eigene Publikation herausbringen, das AKENS-Info (nun ja - gewiß kein origineller Titel...).

Das war 1983 und in den ersten Folgejahren. Noch immer ist die Zeitschrift das Rückgrat der Arbeit, auch wenn sie mittlerweile nicht mehr auf einer alten Schreibmaschine getippt, fotokopiert und zusammengeklammert wird. 26 Hefte konnten in zwölf Jahren herausgebracht werden, ein ungewöhnliches Forum für private Geschichtsarbeit, ein Podium der Diskussion; Berichte aus der Forschung oder über Veranstaltungen können hier erscheinen, es gibt Kritiken zu neuer Literatur, einen Pressespiegel. Das Info - seit Heft 18 wohlgefälliger in Informationen zur Schleswig-holsteinischen Zeitgeschichte umbenannt - steht dabei offen für alle Beiträge, die einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Norden dienen; wissenschaftliches Niveau wird nicht notwendigerweise verlangt, aber ungeübte oder unsichere Verfasser oder Verfasserinnen bekommen gern Hilfe. Favorisiert wird eine methodische Vielfalt, neben Organisations- und Ereignisgeschichte gehört auch Wirtschafts-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte in das Spektrum der Beiträge.

Mit der Arbeit ist der AKENS - oder mit vollem Namen: Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein - ständig gewachsen und wurde zu einem Zusammenschluß von Historikern, Laienforschern und zeitgeschichtlich interessierten Personen. 170 Mitglieder aus dem In- und Ausland gehören dem inzwischen ins Vereinsregister eingetragenen Arbeitskreis an. Und fast zählt der AKENS zu den etablierten Geschichtsvereinen, denn die Dynamik der zeithistorischen Forschung liegt mittlerweile nicht mehr bei der altehrwürdigen Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, sondern beim Beirat für Geschichte, dem Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und eben dem AKENS.

Der AKENS könnte sich zugute halten, in zäher Kleinarbeit nicht nur Forschung in Gang gebracht und ein Forum für kritische Öffentlichkeit geschaffen, sondern auch mit den befreundeten Geschichtsvereinen maßgeblich auf die Entstehung des schleswig-holsteinischen Archivgesetzes hingewirkt zu haben, das relevante Materialien nun zugänglich macht. Aber der AKENS hält es sich nicht zugute, denn noch zu vieles muß getan werden, bevor an ein Bilanzieren gedacht werden könnte. Wenn die obligaten Feierlichkeiten zum 8. Mai 1995 vorüber sind und das öffentliche Interesse an Schleswig-Holsteins brauner Geschichte wieder erlahmt, wird es bestimmt problematischer werden mit der Förderung des Vereins und seiner Projekte - aber aus einem Jahrzehnt der Arbeit läßt sich viel Erfahrung und Energie schöpfen.

Seinem Charakter als Arbeitskreis nach versteht sich der AKENS auch als Koordinationsstelle; er vermittelt Fachleute in den verschiedenen Regionen des Landes, gibt Lehrern Anregungen für Forschung vor der eigenen (Klassen)Tür, kann Materialien bereitstellen, Ansprechpartner und Zeitzeugen vermitteln. Für die allgemeine Öffentlichkeit werden historische Stadtrundgänge angeboten, Vortragsreihen, Seminare und Exkursionen veranstaltet, und auch bei privaten Fragen lassen sich oft Antworten finden oder Hilfestellungen geben.

Mitglieder des AKENS erhalten neben der Zeitschrift gratis die Mitgliederrundbriefe mit aktuellen Veranstaltungsankündigungen, Hinweisen auf Aktivitäten und Informationen zu neuen Veröffentlichungen. Der Jahresbeitrag liegt bei 40 DM.