Politisches Exil als Migrationsgeschichte. Schleswig-Holsteiner EmigrantInnen und das skandinavische Exil 1933-1960

Von Dr. Thomas Pusch

Die Dissertation „Politisches Exil als Migrationsgeschichte. Schleswig-Holsteiner EmigrantInnen und das skandinavische Exil 1933-1960" von Dr. Thomas Pusch beschreibt am Beispiel der empirisch abgesicherten 112 Emigrationsfälle die Entstehungsbedingungen der regionalen politischen Emigration. Sie beantwortet durch eine migrationsgeschichtliche Rekonstruktion und Verlaufsanalyse des Exils auch der »kleinen Leute« die Frage nach dem wirkungs- und erfahrungsgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Emigration aus Schleswig-Holstein, dem Exil in Skandinavien und der Remigration oder dem Verbleib im Exilland. Mit einer Perspektive der Alltags- und Erfahrungsgeschichte erschließt diese Studie gesellschaftliche und politische Prozesse in ihrer Wechselwirkung, in ihrer Alltäglichkeit und deren individueller Verarbeitung. Die Dynamik politisch motivierter Migration wird so erstmals als soziale Praxis gezeigt.Arbeitslosigkeit und Unwillkommensein waren frühe Erfahrungen des politischen Exils, die sich für viele aber bald überformten. Die relative Langwierigkeit des Sich-„Hineinarbeitens" in die aufnehmenden Gesellschaften zeigt jedoch, dass die EmigrantInnen nach einer Übergangszeit ihre „Gestaltungsfähigkeit" wiedererlangen - unterbrochen, teilweise abgebrochen durch die Besetzung der Exilländer und die besonderen Bedingungen der kommunistischen Orthodoxie – und bereits Ende der 1930er Jahre in soziale Netzwerke des Aufnahmelandes eingerückt waren. Die Ansammlung konkreter lebensweltlicher Erfahrungen im zunächst politisch überformten Migrationsprozess verlief über politische Konflikte mit den Exilorganisationen, die Arbeitsaufnahme, die Partnerschaftsfindung und Familiengründung sowie durch die Zubilligung Sozialer Rechte auf eine gelungene Eingliederung und oftmals eine Integration in die exilgewährenden Staaten hin. Die Individuen wurden von den Lebensbedingungen in den Exilländern eingefangen und eigneten sich diese im Sinne eines Integrationsprozesses an. Die sozialen, politischen und staatsbürgerrechtlichen Integrationsmechanismen in den skandinavischen Aufnahmeländern - insbesondere in Schweden, wo sich nach 1940 die überwiegende Mehrzahl der EmigrantInnen versammelt hatte - erwiesen sich dabei als taugliche Instrumente der Integrationspolitik.

Gegen Ende des Exils bekundeten viele ihren Remigrantionswunsch, doch dieser war angesichts der erreichten gesellschaftlichen Eingliederung und politischen Emanzipierung von den Exilorganisation eine eigen-sinnige Aneignung des Widerspruchs von „politischen" Emigrationsgrund und Integration im Exilland: Die »kleinen Leute« remigrierten nur in Ausnahmefällen. Kaum eine Person emigrierte aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis heraus oder kehrte nach 1945 aus einer beruflich und familiär sicheren Situation ohne Aussicht auf eine professionelle politische Karriere zurück.

Die »Kleinen Leute« und die Exilpolitiker hatten in Skandinavien einen interkulturellen Lernprozess durchlaufen. Doch die »Kleinen« nutzten ihn als Grundlage einer Assimilierungsstrategie ohne ihn mit einer Remigration nutzbar zu machen. Das „Modell Schweden" lud mehr zur Teilhabe ein, denn zum mühseligen Transfer. Bis Ende 1949 kamen nur wenige RemigrantInnen aus Skandinavien nach Schleswig-Holstein, zumeist Exilpolitiker, jedoch ohne Schlüsselpositionen im Land einnehmen zu können. Biografische Verlaufstudien zum Lübecker Politiker Paul Bromme sowie zu Mitarbeitern der ministeriellen Sozialverwaltung (Hans Sievers, Dr. Kurt Richter, Martin Krebs) belegen die Intention eines interkulturellen Erfahrungstransfers und zeigen, dass mit der Übersetzung, Umformung und Anpassung von Modellen begonnen wurde. Doch die Wirkungsgeschichte des Erfahrungstransfers zeigt, dass die politischen Entwicklungen nach 1945 derartigen Impulsen nur wenig Raum ließen.

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