Karl Kaufmann – Hamburgs "Führer"

Von Frank Omland

Hinweis der Redaktion:
Der folgende Text wurde im April 2001 vom Autor als Mitglied des Arbeitskreises Alternative Stadtrundfahrten des Landesjugendring Hamburg e.V. erarbeitet. Der Text ist Teil der Handreichung für neue StadtführerInnen: "Hamburg im Nationalsozialismus - Verfolgung und Widerstand - (Reader Route 1)".

Karl Kaufmann wurde am 10. Oktober 1900 als Sohn eines mittelständischen Wäschereibesitzers in Krefeld geboren und wuchs in Elberfeld (Wuppertal) auf. Nach mehrfachen Schulwechseln verließ er 1917 die Oberrealschule ohne Abschluss und meldete sich wenig später als Kriegsfreiwilliger, kam aber nicht mehr an die Front. Nach Kriegsende begann er eine Lehre im elterlichen Betrieb, brach aber nach Streitereinen mit seinem Vater diese ab und lebte fortan von Hilfsarbeiten und der Unterstützung durch seine Mutter. Dies änderte sich erst 1926 als er eine hauptamtliche Stelle bei der NSDAP antrat.

K. war von 1918/19 bis 1923 Mitglied in verschiedenen rechtsradikalen, völkisch-antisemitischen Gruppen, kämpfte u.a. in mehreren Freikorps und war an terroristischen Anschlägen beteiligt. 1922 trat er der NSDAP bei und war (wenn auch nicht direkt vor Ort) am Hitler-Putsch beteiligt. 1925 wurde er noch im Alter von 24 Jahren Gauleiter der NSDAP in Rheinland-Nord, wo er eine tiefe Freundschaft zu Joseph Goebbels entwickelte, den er als Gaugeschäftsführer eingesetzt hatte. Ein Jahr später ernannte Hitler K. zum Leiter des Großgaues Ruhr. Dieses Amt musste er 1928/29 nach parteiinternen Auseinandersetzungen niederlegen und wurde quasi als Bewährungsaufgabe am 1. Mai 1929 zum neuen Gauleiter des "roten" Hamburg ernannt.

Die NSDAP lag hier nicht nur politisch, sondern auch finanziell am Boden. K. baute sich eine Hausmacht auf, änderte die politische Linie, strukturierte die Parteiverwaltung um und knüpfte im stillen Kontakte zum Hamburger (Kaufmanns-) Bürgertum. K., der sich selbst gerne zum soldatischen Frontkämpfer aus der Arbeiterschaft hochstilisierte und als politischer Soldat und "nationaler Revolutionär" verstand, konnte sich sowohl der Parteibasis als einer von ihnen darstellen, als auch - trotz der von seiner Basis und dem Propagandaapparat vertretenen antibürgerlichen Ressentiments - sich den gutsituierten Konservativen als Bündnispartner andienen. Durch die Abschaffung der letzten demokratischen Regeln in der NSDAP und der Einführung des "Führerprinzips" gelang es ihm zudem jede innere Opposition auszuschalten und diese während der Machteroberung im März 1933 verfolgen zu lassen.

1933-1945

K. sicherte die NS-Herrschaft in den ersten Monaten durch brutalstes Vorgehen ab: So ließ er aus berüchtigten SA-Schlägern sog. "Fahndungskommandos" aufstellen, die seiner direkten Kontrolle unterstanden und beteiligte sich laut Zeitzeugenaussagen persönlich an deren Folteraktionen. Die Errichtung des Konzentrationslager Fuhlsbüttel (KoLaFu) unter dem Kommando seines persönlichen Adjutanten Ellerhusen erfolgte, weil Kaufmann das KZ Wittmoor als "zu lasch" erschien und Ausländer"jagden" im Univiertel sowie die Befreiung von Nazis aus den Gefängnissen fielen ebenfalls in seine Verantwortung. Außerdem nahm er Einfluss auf die Gestapo.

K. verfügte in der Folgezeit über eine große Machtfülle: Als Gauleiter bestimmte er über alles in der NSDAP, als Reichsstatthalter der Reichsregierung (ab 16. Mai 1933) beaufsichtigte er die Umsetzung der Reichspolitik in Hamburg, ernannte / entließ die Länderregierung und die Landesbeamten und konnte Ländergesetze erlassen. Ab 1936 war er "Führer" der Landesregierung und Chef der Staats- und Kommunalverwaltung, wodurch der antisemitische Bürgermeister Carl Vincent Krogmann degradiert wurde. Im Krieg erhielt er zudem den wichtigen Posten des Reichsverteidigungskommissars für den Wehrkreis X.

Diese Machtfülle wurde dadurch eingeschränkt, dass K. in seinen staatlichen Ämtern dem Reichsinnenminister unterstellt war und über die in Hamburg ansässigen Reichsbehörden (u.a. das Hanseatische Oberlandesgericht) keine direkte Kontrolle besaß. Außerdem führte die Anhäufung von Kompetenzen und seine Unfähigkeit zu delegieren dazu, dass K. häufig überfordert dabei war, Entscheidungen zu treffen. Sein "Regierungschaos" förderte er selbst, weil er bspw. die Verwaltung nach tagespolitischer Opportunität umstrukturierte und ein ausuferndes System von ihm direkt unterstellten Sonderbevollmächtigten schuf. Dadurch, dass er populistischen Druck auf die Verwaltung ausübte und diese sogar zu Rechtsbrüchen zwang, sicherte er sich eine gewisse Popularität in der Bevölkerung. Diese konnte einer speziellen Dienststelle Beschwerden über die Verwaltung einreichen, wenn sie sich ins Unrecht gesetzt sah. Nicht selten intervenierte K. dann zu Gunsten der Beschwerdeführenden.

K. beherrschte nicht nur diese Form, populistische Entscheidungen zu treffen. Er ging auch aus machtpolitischen Kalkül gegen die sich ausbreitende Korruption im NS-Staat und der Partei vor, um dann die "Zentralisierung der Korruptionswirtschaft" (Frank Bajohr) unter seiner Rigide zu betreiben. Über die "Hamburger Stiftung von 1937", die aus öffentlichen Geldern, Wirtschafts- und "Arisierungsspenden" gespeist wurde, kaufte er sich die Loyalität von Parteigenossen und finanzierte die soziale Patronage der "einfachen" Pgs. Diese hatte er sich auch dadurch gesichert, dass er bis 1934/35 über 10.000 sog. "Alte Kämpfer" Stellungen in städtischen Betrieben, der Verwaltung und in der Wirtschaft verschaffte - und das vor dem Hintergrund, dass in Hamburg die Arbeitslosenzahl nicht so schnell wie reichsweit herabsank

K.s Politik gegenüber der Arbeiterschaft bestand einerseits in massiver Repression, andererseits in einem autoritären Sozialpopulismus. Durch sozialpolitische Initiativen für die Hafenarbeiter, die Durchsetzung eines höheren Lohnniveaus in Hamburg als im Reich, verlängerte freie Zeiten der Beschäftigten und propagandistisch unterstützte Spendenaktionen gelang es ihm in Teilen der Hamburger Bevölkerung ein positives Bild von sich zu prägen. (Eine kommunistische Arbeiterfrau meinte bspw.: "Also an Kaufmann hab´ ich ne sehr gute Erinnerung. ... wenn der bei Hitler war, er brachte immer was mit." Anm.: Gemeint sind Lebensmittel im Krieg) Er selbst gewann durch Betriebsbesichtigungen, Gesprächen mit der Belegschaft und Reden vor dieser ein Bild von der jeweiligen Stimmungslage auf die er dann taktisch einzugehen in der Lage war.

Gegenüber der Hamburger Kaufmannschaft und Wirtschaft profilierte sich K. damit, deren Interessen vor der Reichsregierung zu vertreten. K. entwickelte einen regionalwirtschaftlichen Lobbyismus, der zu Krediten, Subventionen der Groß-Schiffahrt und Rüstungsaufträgen für die stark vom Außenhandel abhängige Wirtschaft führte. Kurz vor Kriegsbeginn setzte er sich so für die Hamburger Wirtschaft ein, dass diese massiv an der "Arisierung" des jüdischen Zwischenhandels in Wien profitieren konnte. Durch Ämterpatronage K.s konnte sie dann im Generalgouvernement Monopole aufbauen und große Gewinne einstecken.

K. war Antisemit, setzte aber aus stimmungspolitischen Kalkül heraus nicht auf Pogrome, sondern auf die "Evakuierung" der jüdischen Bevölkerung, d.h. auf Deportationen. So nutzte Kaufmann seine persönliche Stellung bei Hitler aus, um eine "Lösung der Judenfrage" einzufordern: "Im September 1941 war ich nach einem schweren Luftangriff an den Führer herangetreten mit der Bitte, die Juden evakuieren zu lassen, um zu ermöglichen, dass wenigstens zu einem geringen Teil den Bombengeschädigten wieder eine Wohnung zugewiesen werden könnte. Der Führer hat unverzüglich meiner Anregung entsprochen und die entsprechenden Befehle zum Abtransport der Juden gegeben." Danach begannen in Hamburg und auch reichsweit die Deportationen der deutschen jüdischen Bevölkerung.

Die Behauptung, dass sich K. aufgrund der Erfahrungen nach der "Operation Gomorrha" 1943 und den weiterem Kriegsverlauf entschied, "den Trümmerhaufen namens Hamburg am 3. Mai 1945 kampflos zu übergeben." (Frank Bajohr), hat sich als geschickte Legendenbildung herausgestellt. (vgl. Asendorf und dagegen Bajohr). K. hat diese selbst gestrickte Legende aber für sich im Nachkriegs-Hamburg geschickt einzusetzen können. Bis Oktober 1948 blieb K. in Internierungshaft der Briten, wurde dann aus gesundheitlichen Gründen entlassen und engagierte sich bis 1953 in verschiedenen rechtsextremen Gruppen. Nachdem die Hamburger Staatsanwaltschaft eine Anklageschrift gegen ihn verfasst hatte, wurde das Hauptverfahren allerdings nicht mehr eröffnet. [Der Grund geht aus der Literatur nicht hervor.]

Karl Kaufmann starb am 4. Dezember 1969  als gut situiert lebender Kaufmann in Hamburg.

Literatur:

Frank Bajohr:
Hamburgs "Führer". Zur Person und Tätigkeit des Hamburger NSDAP-Gauleiters Karl Kaufmann (1900 -1969). In: Bajohr/Joachim Szodrzynski (Hrsg.): Hamburg in der NS-Zeit. Forum Zeitgeschichte Band 5. Hamburg: Ergebnisse Verlag, 1995, S.59 - 91.

Thomas Krause:
Hamburg wird braun. Der Aufstieg der NSDAP 1921 - 1933. Hamburg 1987.

Manfred Asendorf:
1945. Hamburg besiegt und befreit. Landeszentrale für politische Bildung. Hamburg 1995.

Verletzungen.
Lebensgeschichtliche Verarbeitung von Kriegserfahrungen. Herausgegeben von Ulrike Jureit und Beate Meyer für den Hamburger Arbeitskreis oral history. Dölling und Galitz, Hamburg 1994.