Frank Omland

Lexika und Chroniken zum Nationalsozialismus

Eine Vorstellung bekannter und wichtiger Bücher

Dieser Beitrag stellt Nachschlagewerke zum Nationalsozialismus einander gegenüber. In einem ersten Teil werden die einzelnen Bücher kurz erläutert, ihre Stärken und Schwächen benannt und ihr Gebrauchswert unter die Lupe genommen. Im zweiten Teil folgt eine tabellarische Gegenüberstellung sowie eine kritische Analyse ausgewählter Sach- und Personeneinträge, um dann noch auf die regionalen Bezüge der Werke einzugehen.

Allgemeine Enzyklopädien und Lexika zum Nationalsozialismus

Das wohl bekannteste Nachschlagewerk zum Nationalsozialismus ist Das grosse Lexikon des Dritten Reiches, herausgegeben von Christian Zentner und Friedemann Bedürftig, das 1985 im Südwest Verlag erschien. Auf knapp 700 Seiten präsentiert es sich mit über 3.000 Stichwörtern, über 1.200 (z.T. farbigen) Fotos, Grafiken und Gemälden, knapp 30 handbuchartigen Essays, einem Namensregister und einer nach Themen geordneten Literaturliste.

Obwohl sich der Forschungsstand verändert und verbessert hat, haben viele der Einträge immer noch Gültigkeit. Im Einzelfall und vor allem hinsichtlich der Bewertungen sollten aber aktuellere Werke zur Kontrolle herangezogen werden. Es hat aber kein nachfolgendes Buch mehr gegeben, das so gut aufgemacht war und die Leserin und den Leser zum Blättern ermuntert hat wie dieses Lexikon.

Schon drei Jahre früher ist das Jugendlexikon Nationalsozialismus herausgekommen, das 1992 neu überarbeitet unter dem Titel Nationalsozialismus. Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933 - 1945 erschien. Als Autorinnen zeichnen Hilde Kammer und Elisabeth Bartsch unter Mitarbeit von Manon Eppenstein-Baukhage verantwortlich. Auf knapp 300 Seiten werden zwar nur 250 Stichwörter erklärt, aber aufgrund von Umfang und Querverweisen erhält man einen guten Überblick zu vielen Themen.

Auf Biographien wurde gänzlich verzichtet, dafür gibt aber ein Personenregister kurze Erläuterungen und verweist auf entsprechende Stellen im Lexikon. Die fünfseitige Zeittafel ist zu vernachlässigen, dafür unterscheidet sich dieses Buch aber dadurch von allen anderen, daß es in über 1.000 Fußnoten mit Quellenangaben deutlich macht, woher das ausgebreitete Wissen stammt. Gerade für die vielen Zitate im Text ist das sehr hilfreich.

Einen anderen Ansatz verfolgt Robert Wistrich in seinem bei Fischer 1987 (im Original 1982/83) erschienenen Wer war wer im Dritten Reich? Ein biographisches Lexikon. "Nahezu 400 Persönlichkeiten, die im Dritten Reich eine herausragende Rolle spielten", werden eingehend beschrieben, und obwohl diese Zahl recht groß zu sein scheint, stößt man beim Benutzen immer wieder auf schmerzliche Lücken.

Einerseits ist dies dem damaligen Forschungsstand geschuldet, andererseits durch die Sichtweise und Auswahl des Autors bedingt. Es kommen fast keine Frauen vor, und es fehlen selbst so exponierte weibliche Personen wie die BDM-Reichsreferentin Jutta Rüdiger bzw. Trude Bürkner. Bedauerlich ist ebenfalls, daß Wistrich weder Quellen noch Literatur nennt, sondern sich mit einer sehr knappen Bibliographie am Ende aushilft.

Eine gute, wenn auch z.T. heute überarbeitungsbedürftige Ergänzung ist das Buch Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik, herausgegeben von Wolfgang Benz und Hermann Graml. 1988 bei C.H. Beck mit einem Umfang von 392 Seiten erschienen, ist es natürlich bezogen auf viele Personeneinträge auch für diejenigen interessant, die etwas über das Leben dieser Menschen in der NS-Zeit wissen wollen. Grenzen sind hier aber durch Biographien gesetzt, die erst mit dem Faschismus von Interesse waren (bspw. Georg Elser oder Bischof von Galen u.ä.m.).

Martin Broszat und Norbert Frei haben 1989 bei Piper unter dem Titel Das Dritte Reich im Überblick. Chronik. Ereignisse. Zusammenhänge eine überarbeitete Ausgabe des Ploetz: Das Dritte Reich als Taschenbuch herausgegeben. Das Buch ist als Chronik und Handbuch angelegt und beginnt auf knapp der Hälfte der 336 Seiten mit zwölf Essays, die "die einzelnen Phasen und die wichtigsten Aspekte des nationalsozialistischen Herrschaftssystems, seine Zielsetzungen, die Innen- wie die Außenpolitik" beschreiben.

In der zweiten Hälfte wird dann eine sehr detaillierte Zeittafel ausgebreitet, die von den Anfängen der NSDAP in der Weimarer Republik bis zur Übernahme der Regierungsgewalt durch die Alliierten in Deutschland reicht. Unterbrochen wird diese Chronik immer wieder durch thematische Kästen, die von biographischen Daten über Statistiken und Karten bis hin zu Themen wie "Unterhaltungskino als Kriegsablenkung" oder "Das nationalsozialistische 'Euthanasieprogramm'" reichen. Ein geordneter Literaturüberblick und ein 35seitiges Register schließen den Band ab, mit dem sich sehr gut arbeiten läßt.

Schon schwieriger in der Handhabung ist die zweibändige Chronik, die 1982/ 83 bei Droste, dann unverändert 1991 im Weltbild Verlag erschien und insgesamt 1.250 Seiten umfaßt: Das III. Reich 1933 - 1939 / 1939 - 1945. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Verantwortlich für den Inhalt waren Manfred Overesch, Friedrich Saal u.a. Die beiden Bände sind als reine Chroniken angelegt, die sowohl (tages-)politische Ereignisse wie auch wirtschaftliche Entscheidungen und kulturelle Begebenheiten aufführen.

Die Detailliertheit ist die große Stärke beider Bände, doch kommen sie leider nur mit einem jeweils 250 Personen umfassenden Register aus, und ein Stichwort- oder darüber hinausgehendes Sachregister fehlt völlig. Das ist sehr ärgerlich und schade, weil diese Bände die noch immer genaueste und detaillierteste Zeittafel beinhalten und sich schon deshalb ihre Anschaffung lohnen würde. Bleibt noch anzumerken, daß 1982 / 1991 ein entsprechend aufgemachter Band mit dem Titel Die Weimarer Republik erschienen ist.

Das größte wissenschaftliche wie öffentliche Echo der hier präsentierten Bücher hat bisher die deutsche Ausgabe der Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden hervorgerufen, die 1993 bei Piper erschienen ist. Für die vierbändige deutsche Ausgabe zeichnen Eberhard Jäckel, Peter Longerich und Julius Schoeps verantwortlich. Auf 1.674 Seiten finden sich 1.000 Stichwörter, die sich mit Personen und Institutionen, Orten sowie Ländern befassen und dabei nicht nur die Täter und ihre Taten, sondern insbesondere die jüdischen Opfer, ihren Widerstand und die zuschauende Mehrheit der "Unbeteiligten" (bspw. in den Länderporträts) hervorheben. Zahlreiche Abbildungen und Fotos veranschaulichen die Inhalte; die Artikel sind mit Literatur-, nicht aber mit Autorenangaben versehen. Letztere finden sich erst im vierten Band, der die Anhänge und ein 150seitiges Register sowie eine 40seitige Chronik enthält.

Die Schwerpunktsetzung des Lexikons macht seinen Gebrauch bezogen auf Nationalsozialismus allgemein nur mit Einschränkungen sinnvoll. Hierbei sind insbesondere die Länderporträts (die sich mit der Geschichte des Judentums dort und dem Umgang der Regierungen mit der jüdischen Minderheit bis weit in die Nachkriegszeit befassen) und die Kurzdarstellungen der KZ und Vernichtungslager zu nennen. Auch die sehr groß angelegten Artikel über Grundlegendes zur Ermordung der europäischen Juden (z.B. Antisemitismus) regen zur Diskussion an.

Wieviele und welche Fehler sich durch den Umstand eingeschlichen haben, daß es sich um die deutsche Version der englischen Ausgabe des im Original auf hebräisch und in Israel 1989 als Lexikon der Shoa herausgekommenen Buches handelt, vermag ich nicht zu beurteilen. Ein Textvergleich mit anderen Lexika hat aber schon bei einer zufälligen Stichprobe einen Fehler offengelegt (s.u.). Meines Erachtens sollten sich Interessierte genau überlegen, ob sich die Anschaffung eines solch spezialisierten Werkes für sie überhaupt lohnt.

Friedemann Bedürftig hat 1994 mit dem Lexikon III. Reich im Carlsen Verlag noch einmal ein gutes Nachschlagewerk vorgelegt. Mit rund 1.000 Stichwörtern auf 448 Seiten und illustriert durch schwarzweiße Zeichnungen von Dieter Kalenbach, die schon im Comic Hitler verwendet wurden, wendet sich der Autor speziell an ein jugendliches Publikum, was sich in einer sehr lesefreundlichen und verständlichen Schreibweise äußert. Noch vor dem oben genannten Lexikon Nationalsozialismus von Kammer/Bartsch kann dieser Band gerade für Jugendliche (aber eben nicht nur für sie) sehr empfohlen werden. (Im Piper-Verlag ist vor kurzem eine billigere Ausgabe erschienen, die ohne die Zeichnungen auskommt. Der Verlag wendet sich in seinem Selbstverständnis eher an ein Fachpublikum und hat wohl deshalb auf diese Illustrationsart verzichtet, die als "unwissenschaftlich" und der Sache nicht angemessen gilt.)

Den ambitioniertesten Versuch, das neueste Standardwerk herauszugeben, haben im Oktober 1997 Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß auf Anregung und im Lektorat von Thomas Bertram sowie Maren Krüger gemacht: die Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Der Band erschien bei Klett/Cotta als Leinenausgabe und kürzlich kartoniert bei dtv und umfaßt auf 900 Seiten mit zahlreichen Fotos und Abbildungen ca. 1.000 Einträge. Vorangestellt sind handbuchartig 26 bebilderte Artikel, die meines Erachtens alle wichtigen sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Themen abdecken und dabei auch die kritische Einordnung zur Forschungs- und Quellenlage nicht vergessen.

Auf knapp 570 Seiten folgt der lexikalische Teil, der auf Biographien und Fotos verzichtet und mit einer Reihe von Abbildungen aufwartet. Letztere sind aber manchmal etwas zu klein reproduziert, so daß Details zuweilen untergehen. So sind etwa die Symbole auf den Karten auf Seite 441 ("Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg") und auf Seite 693 ("Reichssicherheitshauptamt") nur schwer erkennbar. Auch wäre die Teilung in zwei Bände la Handbuch einerseits und Lexikon andererseits der Benutzbarkeit sicherlich entgegen gekommen.

Doch zurück zum Inhalt: Die Artikel sind namentlich gekennzeichnet und z.T. mit Literaturangaben versehen. Ein 75seitiges Personenregister mit Kurzbiographien verweist sowohl auf Stellen im Handbuch als auch auf Nennungen im Lexikon, entpuppt sich somit als praktikable und anwendungsfreundliche Möglichkeit, mit Biographien in solchen Nachschlagewerken umzugehen, und macht außerdem deutlich, in welchen Kontexten die Person tätig war. (In der Praxis - s.u. - schneiden aber die Lexika besser ab, die Biographien in die Stichworteinträge integrieren.)

Die Themenpalette sowohl der Artikel als auch der Einträge im Lexikon ist so breit gefächert und gleichzeitig am Herrschaftssystem des Nationalsozialismus orientiert, daß das Buch mit Sicherheit sein hochgestecktes Ziel erreichen wird und jeder und jedem nur wärmstens zur Anschaffung empfohlen werden kann.

Speziellere Nachschlagewerke

Nicht unerwähnt sollen die folgenden Bücher bleiben, die sich ebenfalls mit Teilaspekten des Nationalsozialismus beschäftigen, deshalb aber hier nur kurz besprochen werden sollen. Als erstes möchte ich die im Chronik Verlag erschienenen Bände nennen, die in sehr guter Aufmachung und in einem verständlichen Stil jeweils immer die Geschichte eines Jahres verarbeiten bzw. in Sonderbänden (beispielsweise die Chronik des Zweiten Weltkrieges) auch über dieses Konzept hinausgehen. Daneben beginnt eine Serie von Regionalausgaben zu erscheinen.

Ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg befaßt sich das im Heyne-Verlag erschienene Sachbuch Lexikon des Zweiten Weltkrieges von Christian Zentner, daß 1995 herausgekommen ist. Das Buch konzentriert sich schwerpunktmäßig auf die militärischen Ereignisse und ist daher nicht unbedingt für jede und jeden als Nachschlagewerk nötig. Es basiert im Kern auf einer überarbeiteten Zusammenfassung des 1985 er-schienen Buches Das grosse Lexikon des Zweiten Weltkrieges desselben Autors.

Auch bei der Anschaffung der beiden folgenden Lexika sollte überlegt werden, ob man sie wirklich benötigt, da sich beide einem speziellen Thema widmen: Das Taschenbuch Lexikon des Widerstandes 1933 - 1945 von Peter Steinbach und Johannes Tuchel und die Leinenausgabe vom Lexikon des deutschen Widerstandes von Wolfgang Benz und Walter H. Pehle. Ersteres zeichnet in über 300 Einträgen auf knapp 240 Taschenbuchseiten die Biographien von verschiedenen Personen oder Gruppen nach, die Widerstandshandlungen ausgeführt haben. Hinzu kommen einige Sacheinträge zu Begrifflichkeiten, zum Widerstand in den europäischen Ländern, in KZs, in Gefängnissen oder auch zu Attentaten auf Hitler.

Die Einträge sind kurz und prägnant und enden mit einigen wenigen Literaturhinweisen. Das Autorenduo stützt sich dabei auf die Arbeiten der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte und ist durch seine eigenen Arbeiten für die "Gedenkstätte Deutscher Widerstand" hinlänglich bekannt und als sehr fachkompetent ausgewiesen.

Das im S. Fischer Verlag herausgekommene Buch von Benz / Pehle wählt einen anderen Ansatz, der später auch in der Enzyklopädie des Nationalsozialismus Verwendung finden sollte. Auf den ersten 150 Seiten wird in Überblicksdarstellungen versucht, den Hauptströmungen im Widerstand und in der Opposition gerecht zu werden. Es folgen 170 Seiten lexikalischer Teil, deren biographische Komponente auf knapp 80 Seiten mit Querverweisen sich in einem dritten Teil anschließt. Vor- und Nachteile der Trennung von lexikalischen und biographischen Teilen sind oben schon erläutert worden, doch erweist sie sich in diesem Fall als hinderlich: Bei den Personeneinträgen fehlen Ortsangaben, die deutlich machen, wo die betreffende Person aktiv gewesen ist. So wird der regionale Bezug nur indirekt über die Verfolgungsstationen erschließbar, und zudem fehlen Angaben zu Geburts- und Sterbeort. Das ist ziemlich ärgerlich, weil einige der Daten nur über die Querverweise im Lexikon selbst nachgereicht werden. Diese Trennung führt aber dazu, daß mehr Platz für längere Einträge im Lexikon bleibt als bei Tuchel/Steinbach.

Als letztes möchte ich auf das Buch Legenden. Lügen. Vorurteile. Ein Lexikon zur Zeitgeschichte hinweisen, 1990 herausgegeben von Wolfgang Benz und zuerst bei Moos & Partner, dann bei dtv erschienen. Dieses Nachschlagewerk vermittelt auf 200 Seiten Wissen im Umgang mit bekannten und unbekannteren rechtsextremen Lügen zum Nationalsozialismus bzw. mit auch darüber hinausgehenden Legenden um die Diktatur Hitlers. So finden sich unter den knapp 80 Einträgen, die mit Autorennamen und Literaturangaben versehen sind, Themen wie "Dolchstoß-Legende", "Entnazifizierung" und auch Widerlegungen zur "Finanzierung Hitlers und der NSDAP". Als Hintergrundwissen für entsprechende Anwürfe aus einschlägigen Kreisen und zur Widerlegung derselben ist dieses Buch sehr gut geeignet.

Um der Leserin und dem Leser einen Überblick zu ermöglichen, stelle ich die meines Erachtens wichtigsten Nachschlagewerke einander tabellarisch gegenüber und fasse die Grunddaten in einer Übersicht zusammen.

Stichworteinträge verschiedener Lexika im Vergleich

Im folgenden Abschnitt werden je ein Begriff und eine Biographie aus den beschriebenen Lexika herausgenommen und einem ersten Vergleich unterzogen. Aus pragmatischen Gründen sind in der Analyse der Sacheintrag "Achse/Achsenmächte" - aufgrund der Kürze der Artikel dazu - und die Person Clemens August Graf von Galen - aufgrund der Tatsache, daß sie auch in den Widerstandslexika besprochen wird - ausgewählt worden.

Clemens August Graf von Galen

Dem katholischen Bischof von Münster, der wegen seines Eintretens gegen die Morde im Rahmen der "Euthanasie" bekannt geworden ist, widmen sich die Lexika in unterschiedlicher Weise. Am intensivsten befaßt sich Robert Wistrich mit dieser Biographie (600 Wörter). Dabei fällt wohltuend auf, daß v. Galen nicht nur als "Lichtgestalt" und Kritiker des NS- Regimes, sondern auch in seiner nationalistischen Befürwortung der außenpolitischen "Erfolge" bei der Revision der Versailler Verträge und des Krieges gegen die Sowjetunion beschrieben wird. Zudem findet sich nur bei Wistrich der Hinweis auf den Bruder des Bischofs, Franz v. Galen. Dieser war Zentrumspolitiker und kam 1944 im Rahmen der Gewitteraktion ins KZ Sachsenhausen (S. 102/103).

In der Enzyklopädie des Holocaust (200 Wörter) findet sich an dieser Stelle folgender Satz: "Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 war von Galen bis Kriegsende im Lager Sachsenhausen inhaftiert." (S. 502). Obwohl die Autoren auf die neuere Literatur verweisen, hat sich somit ein gravierender Fehler eingeschlichen: Clemens August Graf von Galen wurde mit seinem Bruder Franz verwechselt, ihre Biographien wurden zusammengelegt.

Tuchel und Steinbach (220 Wörter) äußern sich wiederum sehr differenziert zur Person des Bischofs: "Nationalkonservativ eingestellt, hoffte G. nach 1939 auf einen deutschen Sieg und erklärte den Krieg gegen die UdSSR zum Kreuzzug (14. September 1941). Weithin erregte seine Predigt vom 3. August 1941 gegen den Massenmord in Pflegeanstalten Aufsehen." (S. 60).

Bedürftig (135 Wörter) spricht zwar auch "von der unbeugsam konservativen, ja antidemokratischen Haltung des Bischofs" (S. 143), nennt dafür aber keine konkreteren Beispiele und betont verstärkt die Aktivitäten Galens gegen das NS-Regime. Hier war der Autor als Herausgeber in seinem früher zusammen mit Zentner herausgegebenen Lexikon (220 Wörter) doch exakter und differenzierter. Insbesondere die Genauigkeit in der Wiedergabe von Daten ist hier hervorzuheben (S. 201/202).

Ohne Biographien kommen Kammer / Bartsch aus, aber der Querverweis zu "von Galen" im Anhang führt zum Stichwort "Euthansiebefehl", wo sich ein Zitat des Bischofs aus seiner Predigt vom 3. August 1941 findet: "Da ein derartiges Vergehen [...] als Mord nach Paragraph 211 des Reichsstrafgesetzbuches mit dem Tode zu bestrafen ist, erstatte ich [...] pflichtgemäß Anzeige..." (S. 64).

Die Querverweise bei Benz / Pehle im Widerstandslexikon führen einerseits ins Handbuch, wo deutlich darauf hingewiesen wird, daß v. Galens Protest zur Einschränkung, aber nicht zur Einstellung der "Euthanasie" geführt hat. Andererseits wird deutlich gemacht, daß solche Aktionen im katholischen und evangelischen Christentum die absolute Ausnahme darstellten und die Kirchen zum Massenmord an den Juden schwiegen (S. 76/77, S. 198).

Die Enzyklopädie des Nationalsozialismus verweist bzgl. v. Galens nur auf ihre Handbuchtexte, sagt dort bekanntes und nennt in einem Eintrag "Aktion T 4" v. Galens Protest nicht namentlich: "Nach kirchlichen Protesten wurden die A. am 24.8.1941 offiziell gestoppt [...] insgeheim weitergeführt." (S. 355). Zur politischen Einstellung v. Galens erhält man keine Informationen.

Am überzeugendsten sind damit die Einträge bei Robert Wistrich und im Widerstandslexikon von Tuchel / Steinbach.

Zu dem Begriff Achse/Achsenmächte

Mit dem Bündnis zwischen Deutschland und Italien (und den späteren Verbündeten, den Achsenmächten des Zweiten Weltkriegs) befaßt sich am ausführlichsten die Enzyklopädie des Holocaust (215 Wörter). Dabei werden deutlich die indifferente Haltung Italiens zum "Dritten Reich" und zu dessen rassistischer und antisemitischer Ideologie und Gründe für den Stimmungsumschwung Mussolinis zugunsten Hitlers herausgearbeitet.

Etwas knapper (170 Wörter) kommen Zentner/Bedürftig daher, wobei sie aber als einzige auf den Ursprung des Begriffes eingehen: "Die Begriffsprägung reklamierte Hans Frank für sich, der im Sept. 36 Ciano [dem italienischen Außenminister, F.O.] gegenüber das Bild vom europ. polit. Wagen gebrauchte, der auf der 'Achse von Faschismus und Nationalsozialismus' vorwärts gefahren werden müsse" (S. 13). Auch finden sich hier die genauesten Daten über das Bündnis, wohingegen ein Hinweis auf die Zusammenarbeit der Achsenmächte im spanischen Bürgerkrieg fehlt.

Dies erwähnt Bedürftig (140 Wörter), ansonsten fällt dessen Eintrag hinter dem vorgenannten etwas zurück.

Bei Kammer / Bartsch (140 Wörter) wird man wiederum mit einem Zitat der Beteiligten "belohnt" und ein Satz aus Mussolinis Rede 1937 in Berlin wiedergegeben.

Die Enzyklopädie des Nationalsozialismus (145 Wörter) gibt ebenfalls das wesentliche zum Thema wieder. Der Autor Karsten Krieger behauptet aber, daß Mussolini die Achse am 3. November 1936 in Mailand verkündete. Zentner / Bedürftig nennen hingegen den 1. November, und alle anderen Lexika sprechen vom November / Herbst 1936. Ein Nachschlagen in der bereits erwähnten Chronik von Broszat / Frei ergibt folgendes: "Am 1. Nov. verkündet Mussolini 'Achse Berlin - Rom'." (S. 235). Eine Bestätigung findet sich auch bei Overesch / Saal: "1. Nov. (Sonntag) In einer großen außenpolitischen Rede in Mailand hebt Mussolini die herausragende Bedeutung der 'Achse Berlin - Rom' hervor." (S. 314).

Beim Begriff "Achse" überzeugen demnach Zentner / Bedürftig am mei-sten. Als Benutzer würde ich mir aber die Integration des Mussolini-Zitates und die Erwähnung des Eingreifens von Deutschland und Italien im spanischen Bürgerkrieg wünschen. Noch stärker als bei der Biographie "von Galen" zeigt sich damit, daß Sacheinträge schwieriger zu handhaben sind als Personen und jede Benutzerin und jeder Benutzer gut daran tut, das jeweilige Lexikonwissen nicht als vollständig und schon gar nicht als Wahrheit zu betrachten.

Beide Beispiele zeigen die Schwierigkeiten auf, die das Zusammenstellen von Einträgen für Lexika betreffen. Der Benutzerin und dem Benutzer kann deshalb nur schwerlich die Entscheidung abgenommen werden, welches der genannten Bücher sie anschaffen bzw. benutzen sollten. Eine Kombination verschiedener Nachschlagewerke (insbesondere zur Gegenprüfung der Einträge) erscheint mir mehr als ratsam.

Zudem sollten eigene Interessenschwerpunkte bzw. die Einsetzbarkeit (im Unterricht, in der Jugendarbeit o.ä.) mit beachtet werden, wohingegen regionale Vorlieben keine Rolle spielen können, weil es entsprechende Einträge fast gar nicht gibt.

Lexika und ihre regionalen Bezüge

Unter regionalen Gesichtspunkten und Suchmerkmalen in den oben beschriebenen Büchern zu stöbern, fördert Typisches zu Tage: Nur in den thematisch enger gefaßten Büchern wie bei Tuchel/ Steinbach finden sich solche Bezüge etwa zur hamburgischen Bästlein-Gruppe, zum Widerstand eines Zweiges der "Weißen Rose" oder zum Lehrling Helmut Hübener, der Flugblätter verbreitete und dafür mit dem Tode bestraft wurde.

In den Überblickswerken werden hingegen Personen nur dann genannt, wenn sie auch im Überregionalen eine Rolle spielten (etwa die Gauleiter Hinrich Lohse und Karl Kaufmann). Das gilt auch für Sacheinträge wie "KZ Neuengamme" bzw. in neueren Werken bei Oberbegriffen wie "Arbeitserziehungslager". Vergeblich wird die Benutzerin bzw. der Benutzer aber nach speziellen regionalen Einträgen zu allen Reichsländern, den Provinzen von Preußen oder gar nach wichtigen Städten und deren Geschichte suchen. Gerade für Nachschlagewerke, die sich als Standardwerke begreifen, wäre es aber ein großer Gewinn, sich auch solchen Einträgen zu widmen, und sei es nur, um es Interessierten zu ermöglichen, erste wichtige Literatur- und Quellenhinweise zu erhalten.

Spannend dürfte die Frage sein, wann es das erste Multi-Media-Lexikon zum Thema Faschismus/Nationalsozialismus geben wird, denn hier ergeben sich nicht nur neue Chancen in der Vermittlung, sondern auch und gerade in der Verknüpfung von Sachverhalten und Inhalten. Meines Erachtens ist es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis dies in irgendeiner Region der Bundes republik der Fall sein wird, vielleicht ist das ja Schleswig-Holstein oder Hamburg.

Bibliographie

Das Dritte Reich im Überblick. Chronik. Ereignisse. Zusammenhänge. Hrg. von Martin Broszat / Norbert Frei. Piper Verlag, München / Zürich 1989, 5. Auflage 1996. Die Erstausgabe 1983 unter dem Titel Ploetz: Das Dritte Reich im Ploetz- Verlag, Freiburg.

Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. Hrg. von Wolfgang Benz / Hermann Graml. Verlag C.H. Beck, München 1988.

Das III. Reich 1933 - 1939. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Hrg. von Manfred Overesch / Friedrich Wilhelm Saal. Unter Mitarbeit von Jork Artelt. Weltbild Verlag, Augsburg 1991. Erstausgabe: Droste Verlag, Düsseldorf 1982.

Das III. Reich 1939 - 1945. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Hrg. von Manfred Overesch. Unter Mitarbeit von Wolfgang Herda und Jork Artelt. Weltbild Verlag, Augsburg 1991. Erstausgabe: Droste Verlag, Düsseldorf 1983.

Die Weimarer Republik. Eine Tageschronik der Politik, Wirtschaft, Kultur. Hrg. von Manfred Overesch / Friedrich Wilhelm Saal. Weltbild Verlag, Augsburg 1992. Erstausgabe: Droste Verlag, Düsseldorf 1983.

Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Hauptherausgeber: Israel Gutman. Hrg. der deutschen Ausgabe: Eberhard Jäckel / Peter Longerich / Julius H. Schoeps. Piper Verlag, München / Zürich 1993. Erstausgabe erschienen 1989 in Israel.

Friedemann Bedürftig: Lexikon III. Reich. Carlsen Verlag, Hamburg 1994.

Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Hrg. von Wolfgang Benz / Hermann Graml / Hermann Weiß. dtv, München 1997. Erstausgabe: J.G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Nördlingen 1997.

Lexikon des deutschen Widerstandes. Hrg. von Wolfgang Benz und Walter H. Pehle. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1994.

Wolfgang Benz (Hrg.): Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Lexikon zur Zeitgeschichte. Verlag Moos & Partner, München 1990.

Lexikon des Widerstandes 1933 - 1945. Hrg. von Peter Steinbach und Johannes Tuchel. C.H. Beck Verlag, München 1994.

Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich? Ein biographisches Lexikon. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft und Militär, Kunst und Wissenschaft. Überarbeitet und erweitert von Hermann Weiß. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1987. Erstausgabe London 1982.

Nationalsozialismus. Begriffe aus der Zeit der Gewaltherrschaft 1933 - 1945. Hrg. von Hilde Kammer, Elisabet Bartsch unter Mitarbeit von Manon Eppenstein-Baukhage. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1992. Erstausgabe als Jugendlexikon Nationalsozialismus, 1982.

Christian Zentner / Friedemann Bedürftig: Das grosse Lexikon des Dritten Reiches. Südwest Verlag, München 1985.


Der Autor: Frank Omland, geboren 1967, ist Sozialpädagoge und in Hamburg bzw. Kiel bei der Organisation und Durchführung antifaschistischer Stadtrundgänge aktiv. Er arbeitet im Themenbereich Nationalsozialismus vorrangig zu den Aspekten Jugend, soziale Arbeit und Wahlen sowie zum Neofaschismus der Gegenwart.


Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte Heft 33/34

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