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Kunst im Ostseeraum
Architektur und bildende Kunst 1933 bis 1945

Der Kulturraum Ostsee hat immer wieder gemeinsame Äußerungen in Architektur und bildender Kunst hervorgebracht. Seit dem Fall des "eisernen Vorhangs" zwischen Ost und West vor einigen Jahren versucht auch die historische Forschung verstärkt, diese Region länderübergreifend darzustellen.

Mit ihrer Reihe Kunst im Ostseeraum verfolgen die Herausgeber Brigitte Hartel und Bernfried Lichtnau eben dieses Ziel. Nun haben sie den zweiten Band vorgelegt, der sich mit Architektur und bildender Kunst in den Jahren 1933 bis 1945 befaßt.

Im Blickfeld haben Hartel und Lichtnau vor allem den Nationalsozialismus in Deutschland und dessen Einfluß auf die Regionen des Ostseeraums. Es wird thematisch ein Bogen von den skandinavischen Ländern entlang der deutschen Ostsee bis zum Baltikum geschlagen. 17 Autoren beschäftigen sich mit Kunst und Kultur in Deutschland, Schweden, Dänemark, Lettland und Estland.

Wichtig war den Herausgebern laut Vorwort, den Zeitraum 1933 bis 1945 "möglichst objektiv und quellengetreu darzustellen, die Tatsachen und Realitäten durch diese Methode selbst spre-


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chen zu lassen, tendenziöse geistige Haltungen [...] dabei zu vermeiden". Daß bei diesem Ansatz in den Einzelbeiträgen nicht immer der politische Aspekt im Vordergrund steht, sondern auch Bereiche eine Rolle spielen, die sich dem Einfluß des Nationalsozialismus mehr oder weniger entziehen konnten, ist legitim und führt unter anderem zu der Erkenntnis, daß es in Deutschland "Nischen" gab, die von einer ideologischen Indienstnahme weitgehend verschont blieben. Dies schildert sehr gut Jörn Barfod in seinen Ausführungen über die Königsberger Kunstakademie.

Parallel dazu wäre es aber notwendig gewesen, in angemessenem Umfang die radikalen Bestrebungen nationalsozialistischer Kulturpolitik darzustellen, die ihren wohl schrecklichsten Ausdruck in einer geplanten "Germanisierung" des Ostens finden sollten, beispielsweise in einer "Entschandelung" und Säuberung der "verpolten und verjudeten" Stadtbilder, wie es der Kunsthistoriker Günther Grundmann 1944 formulierte. Diesem Aspekt wird im Sammelband Kunst im Ostseeraum kein Platz eingeräumt.

Auch die Strukturen und Zielsetzungen des ideologisch orientierten "Kulturschaffens" werden an einigen Stellen nicht deutlich genug herausgearbeitet. Der Beitrag der polnischen Kunsthistorikerin Ewa Gwiazdowska-Banaszek, "Echte deutsche" oder "echte pommersche" Kunst 1933 bis 1945, stellt diese Bestrebungen nur unzureichend dar. Inhaltliche und formale Bildanalysen, die lediglich zu der Erkenntnis kommen, daß bereits vorhandene Tendenzen der Malerei in Pommern sich den neuen Forderungen seit 1933 einpaßten, "Stammeskunst" gewissermaßen "zur Sprache des Bodens" wurde und sich die Idee von einer "echten deutschen" Kunst durchzusetzen begann, erfaßt nur einen Teil des damaligen Geschehens im Bereich nationalsozialistischer Kulturpolitik.

Besser leistet Wolf Karge die Darstellung der Zusammenhänge; er hat sich mit bildender Kunst und Kunstpolitik in Mecklenburg befaßt. So kommt bei ihm der nicht unerhebliche Aspekt zur Sprache, daß bestimmte Kulturvereine sich unmittelbar nach der Machtergreifung freiwillig "gleichschalteten". Karge sagt jedoch zu wenig über die Arbeit des Kampfbundes für deutsche Kultur und der Reichskulturkammer in den einzelnen Fachabteilungen, deren Vergleich untereinander eine exaktere Einschätzung der Wirkungsmöglichkeiten ideologischer Einflußnahme gestattet hätte.

Nicht ein Kunsthistoriker, sondern ein Literaturwissenschaftler zeigt von allen Autoren am deutlichsten auf, wie die Instrumentalisierung von Kultur im Dritten Reich funktionierte. Kay Dohnke, dessen Beitrag die ideologische Radikalisierung norddeutscher Regionalkultur zum Thema hat, arbeitet an prägnanten Beispielen heraus, wie der Nationalsozialismus die plattdeutsche Sprache für seine Zwecke funktionalisierte und wie auf der anderen Seite die niederdeutsche Szene sich den selbsternannten Herrenmenschen in sehr auffallender Weise andiente.

Insgesamt betrachtet gelingt es dem vorliegenden Band leider nur schwer, Parallelen und Unterschiede in Kunst und Kultur der einzelnen Länder aufzuzeigen. Dies liegt nicht nur daran, daß sich das nationalsozialistische Gedankengut in den Regionen des Ostseeraums "recht unterschiedlich" verbreitete, wie es im Vorwort heißt, sondern auch


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an der bewußt gewählten geographischen Abfolge der Themen. Eine Unterteilung nach Architektur, Malerei, Kunstpolitik und anderen Bereichen wäre daher vielleicht sinnvoller gewesen.

Hinzu kommt, daß die Beiträge mehr oder weniger "isoliert" verfaßt wurden. Zu unterschiedlich sind Ansätze und Zielstellungen der einzelnen Autoren. Der gewählte Zeitrahmen 1933 bis 1945 bezeichnet eine konkrete Phase in Deutschland und läßt sich auf andere Länder nicht ohne weiteres übertragen. Dies erklärt auch, daß einige Beiträge aus dem festgelegten Zeitabschnitt herausfallen. So befaßt sich Michael Lissok mit den Aspekten der Rezeption preußischer Landbaukunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und Krista Kodres greift mit ihrer Untersuchung über das Problem des Dekorativismus in der sowjet-estnischen Nachkriegsarchitektur gar bis auf die Mitte der 50er Jahre vor. Somit wäre ein weniger scharf gefaßter Zeitraum dem Anliegen des Sammelbandes vielleicht dienlicher gewesen.

Unstrittig ist hingegen die Themenvielfalt und die Fülle unterschiedlicher Aspekte, die die einzelnen Autoren dem Leser präsentieren. Zu den beeindruckendsten Beiträgen gehören unter anderem Margrit Schimankes Untersuchung zum Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in Rostock-Warnemünde, Wulf Schomers Abhandlung zu den Rußlandzeichnungen des Malers Hans Möller-Porta sowie Ojars Sparitis Interpretationsversuch über das Autoritäre und die Ikonologie in der lettischen Kunst von 1920 bis 1940.

Nicht unerwähnt bleiben sollte die ausgezeichnete drucktechnische Qualität des Sammelbandes.

Thomas Scheck

Brigitte Hartel und Bernfried Lichtnau (Hrsg.): Kunst im Ostseeraum. Architektur und bildende Kunst von 1933 bis 1945. Frankfurt am Main: Peter Lang Europäischer Verlag 1997. 232 S. m. zahlr. Abb. (= Greifswalder kunsthistorische Studien, Bd. 2)


Veröffentlicht in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel) Heft 35 (April 1999) S. 76-78.


Der Rezensent: Thomas Scheck, Jahrgang 1962, Dr. phil., ist Kunsthistoriker, arbeitet als Journalist in Neubrandenburg und forscht u.a. zu Fragen der schleswig-holsteinischen Kulturpolitik im Nationalsozialismus. Publikationen u.a.: Denkmalpflege und Diktatur. Die Erhaltung von Bau- und Kunstdenkmälern in Schleswig-Holstein und im Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus (Berlin 1995).


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