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Viele Männer, wenig Frauen
biografische Abrisse zum Dritten Reich

In Heft 33/34 der Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte ist ausführlich auf Lexika eingegangen worden. Dabei wurde deutlich, wie schwierig es ist, sich nur auf eine Publikation zu verlassen. Bei den Personenlexika zeigte sich zudem, dass es kein aktuelles Werk gab.

Mit dem von Hermann Weiß vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgegebenen Biographischen Lexikon zum Dritten Reich hat sich dies nun entscheidend geändert. Ähnlich wie beim ehrgeizigen Projekt von Benz/ Graml/Weiß, der Enzyklopädie des Nationalsozialismus (München 1997), wird beim Biographischen Lexikon deutlich, dass hier ein Standardwerk geschaffen werden sollte (ob in der Enzyklopädie deshalb die Personenbiografien nur in Kurzform abgehandelt worden sind, sei dahingestellt). Es liegt nahe, im folgenden das neue Lexikon mit dem (scheinbaren?) Vorgänger von Robert Wistrich (Wer war wer im Dritten Reich?, Frankfurt 1987) zu vergleichen, das bezeichnenderweise schon damals von Hermann Weiß überarbeitet und erweitert worden ist.

Das neue Lexikon ist nicht nur um 160 Seiten umfangreicher und enthält knapp 550 Biografien, es hat auch die klarere Gliederung vom Biographischen Lexikon zur Weimarer Republik übernommen: Name, Beruf, Geburts- und Sterbedaten werden zuerst genannt,


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dann folgt ein Lebenslauf, abschliessend darüber hinausgehende Bewertungen und Zusammenhänge sowie Angaben zu Veröffentlichungen der Charakterisierten, wohingegen Literaturhinweise zum aktuellen Forschungsstand fehlen. Meiner Meinung nach ist das ein schweres Versäumnis, dass sowohl Weiß als Herausgeber als auch den anderen achtzehn Mitarbeitenden anzulasten ist.

Ein detaillierter Vergleich mit dem "Vorgänger" von Robert Wistrich zeigt die Stärken des neuen Buches: Weiß u.a. haben sich bemüht, alle hohen Funktionäre aus Staat, Partei und Verfolgungsapparat zu charakterisieren: Gauleiter, Höhere SS- und Polizeiführer, SS-(Ober)Gruppenführer, Minister und Staatssekretäre, Gesandte und Botschafter sowie eine Vielzahl der Eliten aus Militär, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Neben der Aufnahme aller Gauleiter fallen insbesondere die Männer aus der Wirtschaft auf, ferner die Neuaufnahme von Literaten und anderen Künstlern. Frauen sind mit 20 Nennungen (gegenüber 15 bei Wistrich) weiterhin stark unterrepräsentiert, was sich zwar mit der Männerdominanz im NS erklären lässt, doch wäre die Aufnahme der mittleren Hierarchie-Ebene hier ein Gewinn gewesen. Zudem sind wichtige Frauen wie Jutta Rüdiger (BDM-Reichsreferentin) oder auch Helene Mayer ("halbjüdische" Olympia-Fechterin) nicht aufgenommen worden.

Weiß u.a. haben zwar versucht, in einigen Bereichen vollständig zu sein (Gauleiter, höhere SS- und Polizeiführer u.a.) und ihren selbstgesteckten Zielen gerecht zu werden: "Die Absicht des Herausgebers war es vielmehr, die politische und die geistige Elite Deutschlands der Jahre 1933-1945 vorzustellen [...], die im öffentlichen Leben des Dritten Reiches eine Rolle spielte[n]. [...] Unter diesem Gesichtspunkt wurden auch Gegner des Nationalsozialismus in die Auswahl aufgenommen, wenn das Kriterium der Elitenzugehörigkeit auf sie zutraf." (S. 8f.) Trotzdem wird bei einigen Personen nicht klar, warum sie unberücksichtigt blieben oder aufgenommen wurden: So fehlen Leo Baeck, das geistige Oberhaupt des deutschen Judentums, der populäre Filmregisseur Helmut Käutner (u.a. "Große Freiheit Nr. 7") ebenso wie sein "Kollege" Hans Steinhoff ("Hitlerjunge Quex", "Ohm Krüger") oder der Einsatzgruppenführer Naumann.

Systematischer scheint hingegen der Verzicht auf Personen aus dem Widerstand (u.a. Geschwister Scholl) und von Menschen zu sein, deren Biografien zu Beginn des Faschismus enden (u.a. Brüning und Groener). Das Biographische Lexikon nimmt also fast ausschliesslich die Herrschenden und die Mitbeteiligten in den Blick und beschränkt sich bewusst auf Personen, die im deutschen Reich lebten oder Staatsangehörige waren (was etwa dazu führt, dass u.a. Herschel Grynspan fehlt, obwohl sein Attentat auf Botschaftssekretär Ernst vom Rath zum Anlass für die Reichspogromnacht gemacht wurde. Vom Rath selber wird hingegen charakterisiert und dabei auch auf Grynspan eingegangen!). Des Weiteren skizzieren Weiß u.a. nicht alle KZ-Kommandanten und lassen auch Biografien zu Personen wie Bruno Streckenbach, immerhin Nachfolger von Werner Best im Reichssicherheitshauptamt, vermissen.

Doch angesichts der Fülle von neuen Biografien schwächt sich diese Kritik ab: Die AutorInnen haben gegenüber


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Wistrich 250 (!) neue Personen aufgenommen und nur 50 Personen weggelassen. Mit 550 Biografien sind sie im Vergleich zu ihrem Vorgänger also mehr als zu empfehlen.

Wie schwierig es dabei ist, richtige und genaue Angaben zu machen, mag das Beispiel von Arthur Nebe zeigen: Zum Chef des Reichskriminalpolizeiamtes hiess es noch bei Wistrich, er sei am 21. März 1945 hingerichtet worden. Weiß u.a. nennen hingegen den 2. März als Tag, an dem er zum Tode verurteilt worden ist, und den folgenden Tag als Exekutionsdatum. In der Enzyklopädie des Nationalsozialismus (die Weiß ebenfalls mit herausgegeben hat) steht aber der 4. März als Sterbetag.

Verlässt man die überregionale Ebene, so wird man auf kommunaler Ebene im Lexikon leider nur zweimal fündig: Mit Karl Fiehler (Fraktionsvorsitzender der NSDAP) und SS-Brigadeführer Christian Weber (Ratspräsident) werden zwei Münchener genannt, wobei die Auswahl willkürlich und vermutlich dem Arbeitsort des Herausgebers geschuldet ist.

Auf Länderebene finden sich für Schleswig-Holstein immerhin vierzehn und für Hamburg noch sieben bis neun Personen, die beschrieben werden. Mit dem völkischen "Heimatdichter" Gustav Frenssen, dem Staatssekretär Franz Schlegelberger und dem Lübecker Senator und späteren SS- und Polizeiführer Rigas, Walter Schröder, sind wichtige Männer aus der "Provinz" aufgenommen worden. Das Fehlen von Fakten zur Entnazifizierungseinstufung und gerichtlichen Auseinandersetzung um die Pensionsforderungen von Schlegelberger oder auch der Mitwisserschaft hoher Funktionäre und Beamter um die wahre Identität von Werner Heyde/Dr. Sawade ist aber misslich, da sie doch etwas über den Umgang mit dem NS-Erbe in der Nachkriegszeit hätten aussagen können.

Für Hamburg ist die Aufnahme von Staatssekretär Curt Rothenberger zu begrüßen, da er doch maßgeblichen Einfluss auf die Justiz in der Hansestadt genommen hat. Warum bei Gauleiter Karl Kaufmann immer noch wichtige Details zu seiner Funktion bei der Deportation der jüdischen Bevölkerung Hamburgs fehlen, hingegen seine Rolle bei der kampflosen Übergabe der Stadt positiv beschrieben wird, muss ebenso unerklärt bleiben wie das Fehlen von Gestapochef Bruno Streckenbach, dessen Karriere bis zum RSHA-Amtsleiter und General der Waffen-SS reichte.

Fazit: Das Biographische Lexikon zum Dritten Reich umfaßt auf 560 Seiten insgesamt 550 Biografien (davon zwanzig Frauen), die alle wichtigen gesellschaftlichen, kulturellen, militärischen, wirtschaftlichen und politischen Personen im Nationalsozialismus repräsentieren sollen, und deutet durch die Aufnahme regionaler und kommunaler "Größen" eine positive Erweiterungsmöglichkeit künftiger Nachfolgewerke an. Das Fehlen von einigen KZ-Kommandanten und besonders der Verzicht auf Literaturhinweise schmälert den Gebrauchswert je nach LeserInnen-Erwartung aber doch beträchtlich. Als Nachschlagewerk ist das Biographische Lexikon zum Dritten Reich für alle historisch Interessierten ungeachtet der obigen Detailkritik zu empfehlen.

Frank Omland

Hermann Weiß (Hrsg.): Biographisches Lexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 1998. 562 S.


Veröffentlicht in den Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel) Heft 35 (April 1999) S. 96-98.


Der Rezensent: Frank Omland, geboren 1967, ist Sozialpädagoge und in Hamburg bzw. Kiel bei der Organisation und Durchführung antifaschistischer Stadtrundgänge aktiv. Er arbeitet im Themenbereich Nationalsozialismus vorrangig zu den Aspekten Jugend, soziale Arbeit und Wahlen sowie zum Neofaschismus der Gegenwart.


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